Open Air Lab Kitzsteinhorn
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m einzigartigen Open Air Lab Kitzsteinhorn werden seit 2010 Atmosphäre, Geländeoberfläche und Untergrund beobachtet und vermessen. Ziel ist es, Veränderungen im Hochgebirge langfristig zu dokumentieren und fundierte Daten für Forschung, Planung und Anpassungsmaßnahmen zu gewinnen.
Der Begriff „Anthropozän“ beschreibt den starken Einfluss des Menschen auf das Erdsystem. Eine besonders weitreichende Folge menschlicher Aktivitäten ist der Klimawandel, dessen Auswirkungen im Hochgebirge besonders deutlich messbar sind. Im Open Air Lab untersucht das Forschungsteam deshalb die vier Kernbereiche Klima, Gletscher, Permafrost und Felsstabilität.
Die in diesem Freiluftlabor gesammelten Informationen dienen der Gletscherbahnen Kaprun AG als wichtige Daten- und Entscheidungsgrundlage für zukünftige Planungen und Projekte.
Auf den Puls gefühlt
Die Gipfelregion des Kitzsteinhorns bietet mit ihrer Vergletscherung, ihren Permafrostbereichen, der freistehenden Gipfelpyramide und der vorhandenen Seilbahninfrastruktur ideale Bedingungen für die Erforschung hochalpiner Umweltveränderungen. Ingo Hartmeyer und Markus Keuschnig sind Geomorphologen und leiten gemeinsam die GEORESEARCH Forschungsgesellschaft.
Das Open Air Lab wird von GEORESEARCH und der Gletscherbahnen Kaprun AG betrieben und von wissenschaftlichen Projektpartnern begleitet. Das Kitzsteinhorn sei ein idealer Forschungsstandort, sind sich die beiden Forscher einig:
„Der Gipfel steht frei wie eine Pyramide und bietet ideale Bedingungen für die Untersuchung hochalpiner Umwelteinflüsse. An den drei Flanken des Kitzsteinhorns treffen zudem Naturschutz, Energiewirtschaft und touristische Nutzung unmittelbar aufeinander – mit dem Nationalpark Hohe Tauern, den Kapruner Hochgebirgsstauseen und den Anlagen der Gletscherbahnen Kaprun. Dadurch ist das Kitzsteinhorn für uns einer der facettenreichsten Berge der Alpen. Außerdem erleichtert die moderne Infrastruktur unserem Team den Zugang zu den Forschungsstellen im hochalpinen Bereich.“
Fieberthermometer im Berg
Seit 2010 werden die Geländeoberfläche, der Untergrund und die Atmosphäre im Rahmen eines umfassenden Monitorings untersucht. Permanente Temperaturfühler reichen wie Fieberthermometer tief in das Berginnere und liefern dem Forschungsteam Daten über Veränderungen des gefrorenen Untergrunds.
Ingo Hartmeyer erklärt:
„Permafrost wirkt im Gebirge wie ein Klebstoff und hält das Gestein zusammen. Erwärmt sich der dauerhaft gefrorene Untergrund und nimmt die Mächtigkeit der sommerlichen Auftauschicht zu, können Felsbereiche anfälliger für Instabilitäten werden. Das Kitzsteinhorn ist einer von nur zwei Standorten in Österreich, an denen die Mächtigkeit der sommerlichen Auftauschicht direkt überwacht wird.“
Veränderungen an den Felswänden werden auch an der Geländeoberfläche erfasst. Wiederholte hochauflösende Laserscans verwandeln die Felswände in dreidimensionale Modelle und machen selbst kleine Veränderungen sichtbar.
Markus Keuschnig betont:
„Das am Kitzsteinhorn durchgeführte Laserscanmonitoring ist hinsichtlich Beobachtungsdauer und Detailgrad das weltweit umfangreichste hochalpine Steinschlagmonitoring. Eine besonders hohe Steinschlag- und Felssturzaktivität zeigt sich in jenen Bereichen am Gletscherrand, die durch den Rückgang des Schmiedingerkees freigelegt wurden.“
Neben Permafrost und Felsstabilität stehen auch Klima und Gletscher im Fokus des Monitorings. Wetterstationen in unterschiedlichen Höhenlagen zeichnen klimatische Veränderungen auf. Am Schmiedingerkees wird mit Georadar die Eisdicke erfasst; regelmäßige Drohnenbefliegungen dokumentieren die Gletscheroberfläche und ihre Veränderungen. Durch das dichte Netz an Messdaten gehört das Schmiedingerkees zu den wenigen Gletschern Österreichs, deren Volumen präzise bestimmt werden kann.
Gewappnet für zukünftige Herausforderungen
Eine Besonderheit des Open Air Lab ist die langfristige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und einem privatwirtschaftlichen Unternehmen. Nach dem Ende der ursprünglichen Projektphase im Jahr 2017 war für den damaligen Vorstandsdirektor Norbert Karlsböck klar, dass die Forschung am Kitzsteinhorn langfristig fortgeführt werden sollte. Seither finanziert die Gletscherbahnen Kaprun AG das Open Air Lab.
Norbert Karlsböck erklärt:
„Wir wissen, dass Hochgebirgsregionen vor großen Herausforderungen stehen. Durch die Langzeitmessungen in unserem Freiluftlabor erhalten wir eine solide Datengrundlage, dank derer wir zukünftige Projekte besser planen können.“
Zur Forschungsinfrastruktur gehören hochpräzise Risssensoren, die kleinste Bewegungen in den Felswänden erfassen und zusätzliche Daten für die Beurteilung hochalpiner Naturgefahren liefern.
Der Sommer ist die wichtigste Zeit für die Feldarbeit der Geomorphologen. Dann lassen sie sich am Seil in Randklüfte hinab, um Messungen durchzuführen, oder bohren mit Helm, Sicherungsgeschirr und Arbeitskleidung tiefe Löcher in den Fels, um Temperaturfühler einzusetzen. Mit Drohnen dokumentieren sie die Gletscheroberfläche, während Laserscanner selbst kleinste Veränderungen an den Felswänden sichtbar machen.
„Als Geomorphologe muss man durchaus geländegängig sein. Denn wir bewegen uns bei unserer Arbeit natürlich auch abseits viel beschrittener Wege. Aber das liegt uns Wissenschaftlern ohnehin im Blut“, lachen die beiden Forscher.
Wer Ingo Hartmeyer oder Markus Keuschnig bei ihrer Arbeit am Kitzsteinhorn begegnet, darf gerne nachfragen. Neben medialer Berichterstattung und Fachpublikationen verstehen die beiden Forscher auch die persönliche Vermittlung ihrer Arbeit als wichtigen Bildungsauftrag.